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So ist der aktuelle Stand bei den Nachhaltigkeitszielen der UN

Hehre Ziele, fragwürdige Umsetzung

Freitag, 28. November 2025
Florian Lamp

Der Amazonas soll geschützt werden, die Biodiversität gerettet, es gebe eine globale Verantwortung für Klima und Umwelt. Gemeinsam plädierten die Anwesenden für Solidarität und mehr Nachhaltigkeit. All das wurde auf der großen Umweltkonferenz in Belém versprochen oder angekündigt und es klingt auch sehr gut. Doch konkret wurde es nicht so richtig. Dabei gibt es mit der 2015 verabschiedeten Agenda 2030 der Vereinten Nationen genau hierfür einen verbindlichen Rahmen geschaffen: die 17 Nachhaltigkeitsziele (SDGs).

Am 25. September 2015 nahmen 193 Staats- und Regierungschefs in New York die Agenda an, die auf früheren Entwicklungsprogrammen wie den Millenniumszielen basierten. Nun, fast ein Jahrzehnt später und mit dem Zieljahr 2030 im Blick, erscheint es geboten, Bilanz zu ziehen: Wie weit sind die Staaten, wie weit ist die Bundesrepublik, bei der Umsetzung der SDGs gekommen?

Die 17 Ziele: Ambition, Universalität, Komplexität

Die SDGs decken ein sehr breites Spektrum ab: von der Beseitigung von Armut und Hunger über Gesundheit, Bildung und Gleichstellung bis hin zu sauberem Wasser, Energie, nachhaltigem Wirtschaften, Infrastruktur, fairer Arbeit, Innovation, Städte- und Wohnraum, Umwelt- und Klimaschutz, Biodiversität sowie globaler Partnerschaft. Erstmals hatte sich damit die Weltgemeinschaft auf einen ganzheitlichen, universellen Fahrplan für nachhaltige Entwicklung geeinigt und verpflichtet.

Aber genau die o.g. Breite der Themen zugleich auch die größte Herausforderung der 17 Ziele. Die SDGs stehen nicht isoliert, sondern sind miteinander verwoben. Positive Maßnahmen in einem Bereich können negative Folgen in anderen haben. Das macht Zielkonflikte real. Das hat zur Folge, dass viele Vorhaben ohne Priorisierung, Mittel und politische Kohärenz Stückwerk bleiben.

Wie weit ist die Welt gekommen – ein globales Zwischenfazit

Die jüngsten UN-Berichte zeichnen ein klares Bild: Fortschritte gibt es, doch sie sind ungleich verteilt. Gesundheit, Bildung und Zugang zu sauberem Wasser zeigen positive Signale. Ökologische Indikatoren, speziell Klima, Biodiversität und Meeresgesundheit, dagegen alarmieren. Laut dem UN-SDG-Bericht 2024 sind nur wenige Zielvorgaben auf Kurs, viele Bereiche verzeichnen minimale Fortschritte, in einem Drittel Rückschritte. Insgesamt bremsen Finanzierungs- und Kapazitätslücken, Krisen und Konflikte die Umsetzung massiv aus.

Wie ist der Stand in Deutschland?

Deutschland hat mit der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie (DNS) einen formalen Rahmen zur Umsetzung der SDGs. Messbar sind die Erfolge bei Bildung, Gesundheit und Teilen der sozialen Absicherung. Doch es gibt auch starke Defizite. So zum Beispiel im Klima- und Naturschutz, beim Erhalt der biologischen Vielfalt und bei der Ressourceneffizienz. Die Diskussion ist heftig. Gerade NGOs mahnen bei der Bundesregierung immer wieder an, sie solle doch ehrgeiziger handeln.

Schon 2023 hatte die damalige Entwicklungshilfeministerin Svenja Schulze nach dem SDG-Gipfel in New York vom 18. Bis 19. November erkannt: „Es wird höchste Zeit für eine Aufholjagd.“ Ihre Forderung nach ambitionierteren Maßnahmen wie einer stärkeren Finanzierung und zur Verringerung globaler Ungleichheiten ging durch die Medien. Oder sollte man sagen, er verhallte?

Fatale Signale, fehlender Stellenwert, Artensterben

Die großen Umweltverbände Deutschlands von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) bis zum NABU und dem BUND sehen bzgl. der SDGs in Deutschland wenig Fortschritt. Schon 2024 bewertete die DUH Haushaltsentscheidungen als „ein fatales Signal und gefährlicher Rückschritt beim Umwelt- und Klimaschutz“ – eine Einschätzung, die sich sicher auch auf die aktuelle Politik übertragen ließe. Es fehle an einem deutlichen Zeichen, bei Finanzierungskürzungen im Nachhaltigkeitsbereich sei das Erreichen der SDGs.

„Ein fatales Signal und gefährlicher Rückschritt“, so die DUH in ihrer Pressemitteilung. Finanzierungskürzungen gefährdeten die Erreichung der SDGs gefährden. Auch der BUND moniert: „Die Strategie hat im Regierungshandeln bei Weitem nicht den Stellenwert, den sie angesichts der sich zuspitzenden Krisen verdient.“ Der NABU nannte beispielhaft den Insektenschutz. Hier müsse Deutschland insektenfreundlicher werden. Es brauche dringend Maßnahmen gegen das Artensterben und intensive Landwirtschaft, um dort die SDG-Ziele zu erreichen. Insgesamt fehlt es an konkreten Maßnahmen und deutlich stärkerem finanziellen Einsatz.

Spitzenreiter und Schlusslichter

Wie weit sind die Länder in der Umsetzung? Der SDG-Index 2024 bietet greifbare Vergleichswerte: Laut der aktuellen Zahlen aus dem Jahr 2024 steht Finnland an der Spitze mit 86,4 Punkten, gefolgt von Schweden (85,7) und Dänemark (85,0). Deutschland rangiert auf Platz 4 mit 83,4 Punkten. Bei wirtschaftlich starken Staaten ist die Bandbreite groß: Die USA erreichen 74,4 Punkte, China 70,9. Am Ende der Skala stehen Länder, die von Armut, Konflikten und schwacher Verwaltung betroffen sind mit Werten zwischen 41 und 51 Punkten wie die Demokratische Republik Kongo, Afghanistan oder der Südsudan.

Stark machen die Spitzenreiter vor allem robuste Sozialsysteme, stabile Institutionen, hohe Bildungsstandards, proaktive Klima- und Umweltpolitik sowie effiziente Verwaltung. Weil diese finanziell starken Länder systematisch in erneuerbare Energien, Bildung und soziale Sicherheit investieren, schneiden sie bei vielen Indikatoren gut ab. Ohne diesen Hintergrund wird deutlich, warum durch kriegs- und konfliktgebeutelte Staaten, extreme Armut oder fehlende Ressourcen SDGs zwar schön, aber kaum umsetzbar sind.

Warum viele Industrieländer nicht Spitzenreiter sind

Es mag überraschend sein, dass Industrieländer wie die USA oder China verhältnismäßig schwach abschneiden. Doch garantiert wirtschaftliche Stärke nicht automatisch Nachhaltigkeit. So wirken sich in Industrieländern der hohe Ressourcenverbrauch, komplexe Lieferketten und historische Emissionen negativ auf die SDG-Indikatoren aus. Ein weiterer Punkt: Die Zielkonflikte, die modernes Wachstum erzeugt.

So stehen Infrastruktur- und Konsummodelle sehr oft dem Klima- und Biodiversitätsschutz entgegen. Bleibt hier eine tiefgreifende Transformationspolitik aus oder erfolgt sie in homöopathischer Dosis, stagnieren auch die Ziele der SDGs in den Industriestaaten.

Generelle Kritik an den SDGs

Die SDGs sind ambitioniert und universell, doch haben sie klare strukturelle Schwächen. Das fängt damit an, dass die Ziele freiwillig gemeldet werden und endet damit, dass es an Sanktionsmechanismen fehlt. Warum soll man sich an hehre Ziele halten, wenn es auch ohne geht? Auch die Finanzierungslücken sind beträchtlich. Und die Zielkonflikte stellen sich nicht nur auf theoretischer Basis, sondern sind praktisch relevant.

Hinzu kommt ein weiterer Kritikpunkt. So wird, wenn man sich alle Ziele genauer anschaut, deutlich, dass viele davon deutlich eurozentristisch sind. So stammen die Indikatoren und die Umsetzungslogik großteils aus dem Kontext reicherer Staaten. Bedeutet, dass sich die Ziele dadurch nicht eins zu eins auf Länder mit ganz anderen Problemen übertragen lassen. Die große Gefahr: Ohne differenzierte, lokal angepasste Strategien laufen globale Vorgaben Gefahr, rein symbolisch zu bleiben.

Lösungsansätze und alternative Instrumente

Nur: Was hilft gegen diese Verzettelung? Verbindliche, nationale Gesetze mit klaren Zielvorgaben und Rechtsfolgen erscheinen wirksamer als unverbindliche Zielvorgaben. Dazu gehören verbindliche Klimagesetze, verbindliche Schutzverordnungen für Biodiversität und faire Handels- und Lieferkettenregeln. Mit am wichtigsten wären auch langfristig gesicherte internationale Finanzierungsmechanismen für Entwicklungsländer – wie sie zuletzt aufgrund des internationalen Trends hin zu Isolationismus von Nationalstaaten immer mehr infrage gestellt werden.

So erscheinen Initiativen, die konkrete Verpflichtungen, Monitoring und Transparenz verbinden, vielversprechender als bloße Zielkataloge. Beispiele für solche sind EU-Regelungen zum Nachhaltigkeits-Reporting (die zuletzt ebenfalls eingedampft wurden) oder internationale Abkommen, die verbindliche Standards definieren.

Vom Wunschzettel zur Wirklichkeit — so geht es weiter

Die Konferenz in Belém erinnerte daran, dass Biodiversität, Klima und globale Gerechtigkeit dringlich sind. Die SDGs dienen hierbei als Rahmen, der Orientierung liefert. Doch Orientierung allein reicht nicht. Es fehlt sowohl bei der Politik als auch bei der Zivilgesellschaft und den NGOs nicht an den guten Absichten, es fehlt an Entschiedenheit, an Mitteln und an politischer Kohärenz.

Deutschland steht vergleichsweise gut da, doch auch hier sind Lücken sichtbar. Global variieren Fortschritt und Rückschritt. Wer die SDGs retten will, muss aus Worten verbindliche Politik machen und dafür sorgen, dass Finanzmittel, Rechtsinstrumente und verwaltungsstaatliche Kapazitäten folgen. Sonst bleiben die 17 Ziele ein ambitionierter Plan ohne ausreichende Mechanik zur Erreichung.

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