Saudi-Arabiens KI-Offensive
Was Europa über die neue digitale Geopolitik verstehen muss
Saudi-Arabien hat in Deutschland kaum jemand auf dem Schirm, wenn es um den Tech-Bereich geht, meint Ann Cathrin Riedel. Dort passiere aber viel. Und gerade weil die Welt eine vernetzte ist, sollte uns das ein bisschen kümmern und interessieren. Sie hat sich den Besuch des Kronprinzen Muhammad bin Salman in den USA und den Europäischen Gipfel zur Digitalen Souveränität zum Anlass genommen.
Saudi-Arabien baut im Rekordtempo eine digitale Machtbasis auf. Während Europa über Regulierung spricht, investieren andere Staaten in Rechenleistung, KI und Infrastruktur.
Zur Person: Ann Cathrin Riedel ist anerkannte Expertin für Digitalpolitik, Verwaltungstransformation und Demokratie. Sie ist Geschäftsführerin von NExT e.V., einem Netzwerk, das die digitale Modernisierung der Verwaltung vorantreibt, und engagiert sich als Speakerin und Moderatorin für eine zukunftsfähige digitale Gesellschaft. Sie studierte Islamwissenschaft mit Politikwissenschaft im Nebenfach und analysierte in ihrer Bachelorarbeit die #Women2Drive-Kampagne in Saudi-Arabien als Beispiel für digitale politische Macht in autoritären Kontexten. Damit verbindet sie digitale Gesellschaftsthemen mit Nahost-Kenntnissen.
Saudi-Arabiens KI-Offensive: Was Europa über die neue digitale Geopolitik verstehen muss
Saudi-Arabien ist seit Jahrzehnten der Inbegriff des Ölexporteurs. Viel zu wenig bekommen wir hier in Europa mit, dass das Königreich an einer radikalen Transformation der eigenen Wirtschaft arbeitet. Das Königreich will zukünftig nicht mehr bekannt für sein Öl sein (und damit Geld verdienen), sondern ein wichtiger Player im Bereich Rechenleistung und KI-Infrastruktur werden. Wenn wir – wie diese Woche geschehen – über digitale Souveränität, gerade auch die europäische sprechen, sollten wir auch im Blick haben, was andere Länder unternehmen. Für ihre eigene Souveränität und im Hinblick auf weitere mögliche Abhängigkeiten für uns. Geopolitik – ich sage es immer wieder – spiel sich heute und künftig viel stärker im digitalen Raum ab.
Was hat Saudi-Arabien vor?
Kronprinz und de facto Herrscher Muhammad bin Salman (MBS) hat nicht nur erkannt, dass er die Wirtschaft seines Landes diversifizieren muss: Weil das Öl nicht ewig sprudeln wird, weil die Bevölkerung jung ist und eine der digitalsten der Welt. Sie sehen, was woanders möglich ist. Auch daher kommt seine generelle Liberalisierung des Landes. Die Öffnung des Königsreichs für Sport, Tourismus und Technologie geht aber nicht einher mit Demokratisierung und der Einhaltung von Menschenrechten – im Gegenteil. MBS hat erkannt, dass vieles nicht mehr funktioniert: Seine aggressive Außenpolitik in der Region musste er zurückfahren. Ein instabiler Mittlerer Osten ist nicht attraktiv für Investoren, die MBS für seine “Vision 2030” so dringend braucht.
Bis 2030 möchte MBS dass Saudi Arabien Spitzenreiter beim Thema digitale Verwaltung werden und möchte den Anteil ausländischer Direktinvestitionen von 3,8 Prozent auf 5,7 Prozent am BIP steigern. KI ist dafür ein wichtiger Bestandteil. Künftig sollen sechs Prozent der weltweiten Rechenkapazitäten für KI von Saudi-Arabien zur Verfügung gestellt werden. Aktuell sind es weniger als 1 Prozent. Für dieses Vorhaben hat er das durch den Staatsfonds PIF finanzierte Unternehmen Humain gegründet.
Wir hören gerade viel aus den USA, wo ebenfalls zahlreiche gigantische Rechenzentren gebaut werden sollen, die einen enormen Strombedarf haben und wegen beidem von der ansässigen Bevölkerung nicht wirklich begrüßt werden. Im Gegenteil. Saudi-Arabien hat beides: Platz und günstige Energie. Die Saudis werben bereits damit, dass der Betrieb von Rechenzentren bei ihnen um 30 Prozent günstiger ist. Aktuell verhandelt Saudi-Arabien auch mit den USA über die Möglichkeit zur zivilen Urananreicherung, um Nuklearkraftwerke zu betreiben.
Was hat MBS in den USA gemacht?
Vergangene Woche war der Kronprinz zu Gast bei Trump, der ihn dort mit allen Ehren empfing. Trump wurde in seiner ersten und auch in seiner zweiten Amtszeit mit großem Pomp in Riad empfangen. Nun ging es in Washington zum einen um die eben erwähnte Möglichkeit zur Anreicherung von Uran, aber auch um den Erwerb von F-35-Kampfjets, die MBS gerne hätte. Diese Verhandlungen sind allerdings vollkommen abgekoppelt von einer möglichen Annäherung zwischen Saudi-Arabien und Israel. Der Beitritt des Königreichs zu den Abraham Accords steht immer noch auf Trumps To-Do-Liste, aber hier wird nichts passieren, solange sich die Netanyahu-Regierung einer souveränen Perspektive für die Palästinenser verweigert. Der Kongress wird dem Verkauf allerdings noch zustimmen müssen.
Was Trump aber gerne von MBS im Gegenzug hätte, sind Investitionen von 1 Billion Dollar – erst waren nur 600 Milliarden angekündigt. Woher selbst das reiche Saudi-Arabien die Finanzmittel nehmen will, ist nicht bekannt. Was bekannt ist, dass der PIF das momentan an frei verfügbaren Mitteln eigentlich nicht hergibt.
Saudi-Arabien und die USA haben auch eine strategische Partnerschaft im Bereich KI beschlossen. Da passt es nur zu gut, dass das Weiße Haus zu einem Black Tie Dinner einlud bei dem US-Tech-Größen anwesend waren. Von Elon Musk, der endlich mal wieder im Weißen Haus war und der konkrete Pläne hat, seine KI xAI zusammen mit Humain bereitzustellen, über Jensen Huang von Nvidia, Tim Cook von Apple, Lisa Lu von AMD und Greg Brockman von Open AI waren noch andere Vertreter:innen der Tech-Unternehmen anwesend. Alles Unternehmen, die nicht unbedingt bekannt dafür sind, dass sie von der Nicht-Einhaltung von Menschenrechten abgeschreckt sind. Natürlich auch Trump nicht. Der sagte, über die angesprochene Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi 2018, für die MBS verantwortlich sein soll, nur: “Dinge geschehen”. Letztes Jahr hat das Königreich mit 345 Hinrichtungen einen neuen eigenen Rekord aufgestellt.
Was ist mit China?
Die USA tun seit einer Weile alles dafür, dass China nicht die besten Chips der Welt bekommt – die von Nvidia. Saudi-Arabien braucht diese Chips für die Rechenzentren, die sie bauen wollen und die USA haben Angst, dass China so über das Königreich an die Chips ran kommen könnte. Die Verbindung von Saudi-Arabien und China ist Trump ein Dorn im Auge, aber Saudi-Arabien plant nicht, sich für eine Seite zu entscheiden. Im Gegenteil: man will von beiden Mächten profitieren. Peking ist nicht nur ein wichtiger Ölabnehmer, es hilft auch mit für regionale Stabilität zu sorgen. So wurde unter chinesischer Führung 2023 ein Abkommen zwischen Iran und Saudi-Arabien vereinbart, das dafür sorgte, dass beide wieder diplomatische Beziehungen miteinander aufnahmen. Regionale Stabilität ist für Saudi-Arabien gerade von enormer Bedeutung. Und: China schert sich überhaupt nicht um die Innenpolitik eines Landes. Stichwort Menschenrechte.
The Bottleneck
MBS Projekte laufen gerade nicht so gut. Die Städte NEOM und The Line, die auch hierzulande für Aufmerksamkeit sorgten, werden gerade drastisch zusammengestrichen. Nicht machbar, noch viel teurer als eh schon erwartet. MBS mag Kritik nicht wirklich und daher hat man einfach gemacht. Nun merkt auch er aber: Geld ist doch nicht so sehr im Überfluss da, wie er dachte. Ein anderes Problem: Die Nachbarn, genauer die Vereinigten Arabischen Emirate, investieren ebenfalls massiv in KI-Technologie und haben teilweise noch höhere Investitionsvereinbarungen mit US-Tech-Unternehmen als das Königreich. Es ist ein Kampf um Ressourcen. Auch um menschliche. Zwar bildet das Land immer mehr KI-Expert:innen aus – ja auch Frauen. 59 Prozent der Studierenden im Bereich Computer Science sind Frauen. Damit gehört das LAnd zu den Ländern mit dem höchsten Frauenanteil in diesem Bereich. (Frauen in den Arbeitsmarkt zu bringen ist ebenfalls Teil der Vision 2030). Aber: Ich glaube, Saudi-Arabien wird für ausländische Fachkräfte immer attraktiver. Wir sehen schon an den VAE wie hip und cool es geworden ist, dorthin auszuwandern. Menschen- und Bürgerrechte spielen scheinbar keine Rolle bei den Auswanderern. Und durch den Fussball wandelt Saudi-Arabien sein Image komplett in der Welt. Ronaldo spielt dort, ebenso Benzema und bis zu diesem Jahr Neymar.
Aber das ist ganz genau so, wie Hannah Arendt es schon in “Wahrheit und Lüge in der Politik” beschrieben hat: Es ist ein pures Image. Frauen dürfen nun zwar Auto fahren, aber die Frau, die 2014 für das Recht hierzu eintrat, Loujain al-Hathloul, saß trotzdem lange Zeit im Gefängnis, darf das Land bis heute nicht verlassen. Ebenso wie viele andere Frauenrechtlerinnen. Bürgerliche Freiheiten, so wie wir sie kennen und schätzen, gibt es dort weiterhin nicht.

Zurück zu uns
Wie anfangs erwähnt, ging es diese Woche um die europäische Digitale Souveränität. Beim deutsch-französischen Gipfel in Berlin, bei dem Friedrich Merz und Emmanuel Macron sprachen, war auch ich anwesend. Ich erwarte nicht viel von politischen Gipfel. Und doch habe ich mir gleichwohl wenigstens das erhofft, um das es bei politischen Gipfeln geht: ein Signal. Merz kündigte stolz Investitionen von 12 Millarden Euro in KI an. Davon waren 11 Milliarden von der Schwarz-Gruppe, das sie in ein Datencenter in Lübbenau bei Berlin investieren und die weitere Milliarde Absichtserklärungen die aus 18 (!) Partnerschaften entstanden sind. Wenn ich da nochmal an die Zahlen aus Partnerschaften Saudi-Arabiens denke, den weitaus höheren der VAE oder die 109 Milliarden Euro KI-Investitionen die Frankreich allein Anfang des Jahres verkündete, ist das doch ein bisschen dürftig.
Ich verstehe und unterstütze auch die Kritik am Gipfel, dass es dort zu viel um KI ging und zu wenig um Digitale Souveränität allgemein. Denn da geht es noch um einiges mehr. Unterseekabel zum Beispiel, durch die “das Internet” fließt und Kontinente miteinander verbindet. Auch hier investiert Saudi-Arbaien massiv, weil sie wissen, dass dies ein essentieller Bestandteil von der gesamten digitalen Transformation ist.
Ich habe am Beispiel KI mal den Vergleich auf machen wollen, wieviel andere Länder und vor allem hier in Deutschland eher weniger beachtete Regionen, in Technologie(-führerschaft) investieren und wie sehr wir hier hinterher hinken. Am Gipfel wurde auch wieder viel zivilgesellschaftliche Kritik laut, die darauf hinwies, dass wir vor allem regulieren müssten. Ich bin da dabei, dass wir ganz viel, was uns lieb und teuer in Europa ist, auch durch Regulierung schützen müssen. Aber eben nicht nur. Dabei ist es natürlich sehr wichtig, dass wir nicht vor den Forderungen der Trump-Regierung einknicken und den DMA und DSA schwächen. Es ist aber ebenso wichtig, dass wir nicht nur über Regulierung sprechen, sondern auch über Investition. Darüber, wie wir auch mittels Beschaffung des Staates die digitale Souveränität Europas stärken können.
Aber, was noch viel wichtiger ist: Wir müssen uns klar machen, was für uns Europäer:innen europäische digitale Souveränität bedeutet. Laut Macron gehört dazu: Buy European. In Deutschland fordert das auch Lars Klingbeil. Der Digitalminister Karsten Wildberger hält davon nicht so viel. Es soll jetzt eine deutsch-französische Arbeitsgruppe geben, die klären soll, was die gemeinsamen Souveränitätsvorstellungen sind. Eine lange fällige Grundlage. Bis dahin sollten wir mindestens im Blick haben, was um uns herum auf der Welt passiert. Besser wäre, dass wir in die Grundlage unseres Wertesystems in Europa – und das ist mittlerweile nunmal das Digitale – auch heute schon investieren.
Der Artikel erschien zuerst im Newsletter von Ann Cathrin Riedel auf Substack
Bild 1: White House. President Donald Trump participates in a bilateral meeting with Crown Prince and Prime Minister Mohammed bin Salman Al Saud of Saudi Arabia, Tuesday, November 18, 2025, in the Oval Office. (Official White House Photo by Daniel Torok)
Bild 2: Gipfel zur europäischen digitalen Souveränität, Berlin, Dienstag, 18. November 2025, Bundesregierung/Jesco Denzel