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Kanzlerwahlverein ist ein sehr gemeines Wort für eine Partei. Damit wird der demokratische Anspruch, den eine politische Partei per se mit sich bringt, nämlich gemeinsam um Entscheidungen zu ringen, negiert. Die Partei wird zu einem reinen Abstimmungsensemble degradiert. Kanzlerwahlverein wurde die CDU, bzw. die Union bisweilen spöttisch genannt. Weil sie sich fast immer hinter einem großen Vorsitzenden, bzw. der großen Vorsitzenden versammelte, ihr den Rücken stärkte und den oder die da vorne Politik machen ließ. Den Kanzler, die Kanzlerin zu stellen, war genug. Das war natürlich immer überspitzt. Und, wie gesagt, auch etwas gemein. Noch 2017 schrieb der CSU-Generalsekretär Markus Blume in einem Grundsatzprogramm: „Die Union war nie nur ein Kanzlerwahlverein.“ Heute wäre so mancher in der CDU wohl froh, wenn mal wieder jemand auf die Idee käme, von einem Kanzlerwahlverein zu sprechen. Denn neben dem Spott konnte man da auch immer Anerkennung herauslesen. Eine Partei, die stabil ist, auf deren Beschlüsse Verlass ist, die ihre Vorsitzenden in Ruhe arbeiten lässt. Gerade im Vergleich zur SPD, die sich immer mehr als Mitmach-Partei verstand, waren das für die CDU immer wichtige Abgrenzungspunkte. All diese Abgrenzungspunkte verschwimmen gerade. Dass die Lage wirklich ernst ist, erkennt man daran, dass sich nicht einmal die Sozialdemokraten dafür zu schaden sind, Witze zu reißen. In 15 Monaten wolle man das schaffen, wofür die SPD 15 Jahre gebraucht habe, sagte Fraktionsmitglied Nils Schmid. Gemeint sind Führungslosigkeit, Personaldebatten, Richtungsstreits und aufrührerische Landesverbände.

Die einsame Vorsitzende

Zur Führungslosigkeit: Annegret Kramp-Karrenbauer ist nie so richtig in ihrer Rolle als Parteivorsitzende angekommen. Die Sprunghaftigkeit in ihren Entscheidungen, die ihr im Falle des Erfolgs als Instinkt ausgelegt wurden, werden mittlerweile eher als Zeichen schlechter Beratung gesehen. Berlin ist nicht das Saarland. Allerdings macht es ihr auch niemand in der Partei so richtig einfach. Tilman Kuban, Vorsitzender der Jungen Union, scheint immer mehr Gefallen an der Rolle des konservativen Kevin Kühnert zu finden. Geradezu genüsslich inszeniert er sich als aufrührerisches Element. Beim Deutschlandtag der Jungen Union trank er Bruderschaft mit Kramp-Karrenbauers und Angela Merkels Antipoden, Friedrich Merz. Dann suchte er förmlich die Auseinandersetzung mit Kramp-Karrenbauer, in dem er die Frage nach der Kanzlerkandidatur neu stellte. Nicht die Vorsitzende sollte automatisch das Zugriffsrecht haben, sondern ausgerechnet eine Ur-Wahl sollte es werden. Und bei Markus Lanz echauffierte er sich über belangloses „Geschwurbel“, dem es an Ehrlichkeit fehle, auch in seiner eigenen Partei. Damit wäre er schon wieder sehr nah dran an Friedrich Merz. Der wird nicht müde Klartext und Führungsstärke einzufordern. Sein Nebelteppich der Untätigkeit dürfte auch nach der herbstlichen Jahreszeit zu einem geflügelten Wort werden. In Umfragen rangiert er mittlerweile vor Kramp-Karrenbauer: 33 Prozent glauben, dass er einen guten CDU-Vorsitzenden ausmachen würde. Die derzeitige Vorsitzende kommt auf gerade 19 Prozent. Und auch bei der Aussicht auf die Kanzlerkandidatur bekommt er bessere Werte. Wenn Merz noch einmal ein, vielleicht das zweithöchste Amt im Staate überhaupt erreichen will, dann jetzt. Auf dem CDU-Parteitag Ende November in Leipzig will er eine Rede mit Vorschlägen zur Erneuerung der Partei halten. Offiziell soll es dabei natürlich nicht um Personalpolitik gehen. Aber jeder weiß, wie wichtig langanhaltender Applaus ist. Und den wird er bekommen. Mit markigen Worten, an denen ihn vorerst niemand messen kann, lassen sich leicht Leute begeistern.

Die Gretchenfrage zur AfD

Es wird einsam werden um Kramp-Karrenbauer. Die, die mit ihrem Wort am ehesten etwas Ruhe reinbringen könnte, zieht sich immer weiter zurück. Angela Merkel wird die CDU zersplittert und führungslos hinterlassen. Ihre Wahlerfolge konnten die Gräben, die sie in ihrem langen Werdegang durch die Partei geschaffen hat, gut überdecken. Nun reißen sie wieder auf. Der Generalsekretär der CDU, Paul Ziemiak, der dafür da wäre, diese Gräben wieder zu zuschütten, bleibt blass. Allein, dass es möglich ist, einen Artikel über den Zustand der CDU zu schreiben und erst jetzt beim Generalsekretär anzukommen, zeigt, wie wenig Autorität der Mann hat. Nie wurde das so deutlich, wie nach der Thüringen-Wahl, wenn es um die Koalitionsgespräche mit der LINKEN und der AfD geht. Immer weniger Menschen scheint es in den Landesverbänden zu interessieren, dass Ziemiak keine Gespräche nach links und rechts möchte. Auch der Parteitagsbeschluss, in dem jegliche Zusammenarbeit ausgeschlossen wird, scheint von nicht wenigen eher als Empfehlung, denn als Vorgabe gedeutet zu werden. Als „irre“ bezeichnete er das, doch sein „Ende der Durchsage“ wirkt eher kläglich. Denn auch er weiß genau, dass, so lange es die AfD gibt, die Debatte um eine Zusammenarbeit mit ihr nicht aufhören wird. Eine Debatte wie ein Herpesvirus, wie es die „Zeit“ so schön nannte: nie ganz weg und kann ständig ausbrechen.Der CDU steht ein unruhiger Jahreswechsel bevor.

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