Schon an der Grenze zu Serbien zaubert es dem Polizisten ein Lächeln ins Gesicht, wenn man erwähnt, dass man das Trompetenfestival in Guča besuchen wird. Freundlich zeigen die sonst mürrischen Grenzer den Weg auf der Landkarte und deuten an, dass man in Guča wohl etwas Besonderes erwarten kann. “Das ist unser Woodstock, nur dass es jedes Jahr stattfindet“, hört man immer wieder von Einheimischen. Anders als beim legendären Musikfestival in den USA dreht sich in Guča aber alles um serbische Folklore und traditionelle Musik.

Goldene Trompete für den Besten

“Im vergangenen Jahr sind mehr als 500.000 Gäste zu uns gepilgert,“ hebt Adam Tadić, Direktor des Festivals hervor. Die meisten würden zum Höhepunkt des Festivals in das Dorf mit 4.000 Einwohnern pilgern. Am Samstag wird nämlich zum 52. Mal der beste Trompeter Serbiens mit der goldenen Trompete ausgezeichnet. Ein Preis um den mehr als 600 Musiker rittern. An der hohen Qualität der Musiker erkennt man schnell, dass die Trompete das serbische Nationalinstrument ist. Obwohl seit einigen Jahren Gruppen aus ganz Europa antreten und dieses Jahr sich sogar eine Band aus Brasilien angekündigt hat, konnte seit dem Beginn des Festivals 1961 noch nie ein nicht-serbischer Musiker den prestigeträchtigen Preis mit nach Hause nehmen. “Selbst im internationalen Bewerb konnte bisher nur eine italienische Band gewinnen und das waren Serbien in der Diaspora“, weiß Tadić. 

“Balkan hört nie auf zu feiern“

Wer serbischen Nationalstolz kennen lernen will, ist in Guča richtig. (Fotoquelle: Michael Neumayr)

Abseits der Bühne zählt aber vor allem die Lautstärke. In den Festzelten und Gastgärten des Ortes tummeln sich zahllose kleine Straßenkapellen und leichtbekleidete Tänzerinnen. Hier zählt kaum, ob ein Ton getroffen wird oder die Harmonie der Kapelle stimmt. Fast immer aus dem Takt machen die Straßenmusiker ihre künstlerischen Schwächen vor allem mit großer Lautstärke und bekannten serbischen Liedern wett. In der alkoholgeschwängerten Atmosphäre des Volksfest ist das ein Erfolgsrezept. Das zeigen die zahlreichen Geldscheine, die in den Trichtern der Instrumente und der Unterwäsche der Tänzerinnen landen. Geht es nach westlichen Maßstäben ist Guča kein Familienfest. Der Partystimmung tut das jedoch keinen Abbruch. “Der Balkan hört nie auf zu feiern. Man muss die Party nur suchen“, erzählen Girio und Nadja aus Bulgarien begeistert. Sie ziehen den ganzen Sommer von Festival zu Festival und inhalieren dabei nicht nur serbische Lebensfreude, sondern besuchen auch Bosnien, Montenegro und feiern zuhause in Bulgarien. Für die beiden Rucksacktouristen ist aber klar, Guča ist der Höhepunkt der folkloristischen Festivalsaison.

Zwischen Sliwowitz und serbischen Flaggen

Einen Wermutstropfen gibt es aber trotz der fantastischen Festivalstimmung. Wer das nationalistische Serbien kennen lernen will ist beim Festival in Guča gut aufgehoben. Neben Sliwowitz, dem berühmten Schnaps, und der serbischen Tracht, werden am Jahrmarkt nämlich vor allem serbische Flaggen, Uniformteile und auch T-Shirts mit dem Bild von Ratko Mladic verkauft. Besonders in den Nächten des einwöchigen Spektakels, wenn der Alkoholspiegel ins unermessliche steigt, kann man den Nationalismus, angefangen vom serbischen Tschetnik-Gruß, den drei gespreizten Fingern, über die aggressive Präsentation serbischer Symbole bis zur emotionalen Kosovo-Diskussion, kaum noch ignorieren. Festival-Direktor Adam Tadić hält jedoch dagegen: “Es ist kein serbisches Festival mehr. Wir werden von Jahr zu Jahr internationaler.“

Festival als wirtschaftliche Lebensader

Für die wirtschaftlich schwache Region in Zentralserbien ist die einwöchige Veranstaltung jedenfalls so etwas wie eine Lebensader geworden. “Ein Viertel des Budgets der Kommune, zu der auch der größere Ort Lucani gehört, wird in dieser einen Woche erwirtschaftet“, weiß Adam Tadić. Die aktuelle Wirtschaftskrise und die Folgen der Luftangriffe im Krieg 1999 würden der Region schwer zu schaffen machen. Ohne das Fest wäre die Stadt völlig verarmt, so Tadić.

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