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Arbeiten gehen, Gehalt erhalten, Lebensunterhalt sichern. Für viele Menschen ist der Beruf lediglich ein Instrument, um die finanziellen Mittel für ihren Alltag zu generieren. Arbeit erfüllt jedoch wesentliche gesellschaftliche Funktionen – selbst wenn die Arbeitenden dies selbst nicht wahrnehmen. Allerdings deutet einiges darauf hin, dass diese gesellschaftlichen Funktionen immer seltener erfüllt werden.

In einer gesunden Marktwirtschaft sollte Arbeit als das Vehikel für soziale Mobilität dienen – durch Können, Mühe und einer Portion Glück sollte es Menschen möglich sein, ihren Lebensstandard langfristig mindestens geringfügig zu verbessern. Arbeitet man nicht, kann der soziale Fahrstuhl allerdings auch nach unten fahren – Abhängigkeit von Familienangehörigen oder staatlicher Unterstützung zum Bestreiten des Lebensunterhalts sind oft die Folge.

Ob Arbeit allerdings noch das Instrument für die soziale Mobilität ist, wird zunehmend fraglich. Die Lohnunterschiede in Deutschland klaffen immer weiter auseinander, während die Mittelschicht schrumpft. Das ist ein globales Phänomen, das besorgniserregend ist. Denn selbst wenn vor allem der jungen Generation nachgesagt wird, dass sie schlicht einen anderen Wertekompass haben, in dem bürgerliche Statussymbole keine Bedeutung haben, zeichnet die Forschung ein anderes Bild: immer weniger Menschen können sich das bürgerliche Leben tatsächlich leisten.

In der Studie „Under Pressure: The Squeezed Middle Class” der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erklären die Autoren, dass die Löhne in den meisten Industrienationen schlicht viel langsamer gewachsen sind, als die Kosten. Trotz besserer Ausbildung verdienen junge Menschen häufig verhältnismäßig schlecht im Vergleich zu ihren Eltern. Der Aufstieg von Generation zu Generation ist mittlerweile fraglich – in manchen Ländern gehen junge Menschen davon aus, dass es ihnen schlechter gehen wird als ihren Eltern.

Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Funktion von Arbeit kann also zum Teil nicht mehr erfüllt werden. Jenseits der finanziellen, gibt es auch eine wesentliche integrative Dimension, die ebenfalls nicht mehr gewahrt werden kann: Arbeit diente als Zugang zur sozialen Teilhabe. Davon profitierten vor allem Frauen sowie Einwanderer.  

Die feministische Bewegung hatte in den 60ern und den 70ern die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt im Fokus, weil Arbeit auch Unabhängigkeit bedeutet – man erwirtschaftet sich selbst einen Teil des Kuchens und kann Risiken eingehen. Im Gegensatz zur Abhängigkeit vom Haushaltsgeld, das der Ehemann erarbeitete, bedeutet ein eigenes Gehalt eine Chance zur besseren Familienversorgung oder schlicht mehr Gestaltungsspielraum für die eigenen Wünsche und Ambitionen. Auch das erlernte Wissen über Wirtschafts- und Unternehmenslogik stärkt die eigene Position.

Die Kombination von Wissen und Gehalt führte dazu, dass Frauen einen Machtanspruch formulieren konnten und ebenfalls die Gesellschaft gestalten wollten. Ähnliches erlebten auch viele Einwanderer – es heißt nicht umsonst, dass Arbeit der beste Integrationsmotor sei. Durch die Teilhabe am Erwerbsleben lernten Gastarbeiter die Gepflogenheiten des Zusammenlebens in Deutschland. Sie lernten, wie die Deutschen sich verhalten, wie die Sichtweisen sind, was Erwartungen und No-Gos sind. Mit dem erwirtschafteten Gehalt konnten sie sich zusätzlich ein Leben leisten, das dem typisch deutschen Alltag nahekam. Auf diese Weise wurden aus Gastarbeitern und Einwanderern Mitbürger.

Natürlich sind diese Prozesse nicht ohne Reibung und Probleme verlaufen – die positiven Effekte stellten sich auch nicht für alle ein. Manche Frauen mögen sich davon überwältigt gefühlt haben, in eine kompetitive Arbeitswelt einzusteigen – andere kämpfen wiederum bis heute für faire Löhne und familienfreundliche Arbeitsbedingungen. Die Integration klappte auch mit Sicherheit nicht für alle Einwanderer. Geschlechter- und Integrationsdebatten erhitzen nach wie vor die Gemüter. Doch in groben Zügen hat Arbeit nicht nur als ein marktwirtschaftliches, sondern auch ein demokratisierendes Vehikel funktioniert, das mehr Gruppen zur gesellschaftlichen Teilhabe befähigt hat. Allein die Begegnung auf dem Arbeitsplatz kann häufig einen gravierenden Einfluss haben.  

Es ist allerdings fraglich, ob Arbeit diese demokratisierende Funktion langfristig bieten kann. Zum einen ist bereits heute die Tendenz zu weniger Begegnung spürbar – Unternehmen sourcen Tätigkeiten von der anspruchsvollen Buchhaltung bis zum Sicherheitspersonal an Dienstleister aus. Das direkte Arbeitsumfeld wird dadurch homogener. Zum anderen ist es ungewiss, wie viele Mittelstandsjobs im Zuge der digitalen Transformation entstehen. Hinweise auf eine polarisierte Entwicklung zwischen hochqualifizierten Kräften und Arbeitenden in simplen Tätigkeiten bei einer schrumpfenden Mittelschicht gibt es bereits in anderen Industrieländern wie den USA.

Bildungskonzepte, politischer Wille und wirtschaftliche Weitsicht sind notwendig, um Arbeit als demokratisierendes Gesellschaftsinstrument zu bewahren. Sollte dies scheitern, wird sich eine andere gesellschaftliche Herausforderung anbahnen: die Versöhnung gesellschaftlicher Konflikte durch fehlende soziale Mobilität und Zusammenhalt.

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