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Freiheit und Sinn im Arbeitsleben – zunehmend wird darüber gesprochen, dass vor allem junge Arbeitnehmer mit Berufsbildern liebäugeln, die ihnen zeitliche und räumliche Freiheit bieten, sowie das Gefühl, „etwas Sinnvolles“ zu erledigen. Frithjof Bergmann, Begründer der New-Work-Bewegung, sah in seiner Idealvorstellung eine Gesellschaft, in der jeder sich mit der Arbeit beschäftigen würde, die er oder sie wirklich wolle. Dieses Ideal hilft jedoch nicht bei den aktuellen Problemen auf dem Arbeitsmarkt.

Auch wenn es immer wieder Stimmen gibt, die besagen, dass junge Arbeitnehmer unter 35 vermeintlich Geld nicht als Treiber für ihre Arbeit sehen, sondern Sinn und Spaß im Beruf suchen, ist das gezeichnete Bild fragmentiert. Die Debatte um „Purpose“ kursiert nämlich vornehmlich um Menschen mit gutem Einkommen und Berufen, in denen die Sinnsuche bedeutet, aus einer gewissen Distanz etwas für andere zu tun. Die freie Grafikdesignerin, die für lokale Gemeinschaftsprojekte Illustrationen erstellt oder der Social Entrepreneur, der mit seinem Unternehmen das Gemeinwohl im Visier hat, tun gute Dinge. Sie gehen aber nicht dorthin, wo Fachkräfte dringend gesucht werden, die Gehälter und Arbeitsbedingungen allerdings keinen liberalen Lebensstil gestatten.

Der Krautreporter Martin Gommel beschrieb kürzlich in einem Text, was er von dem Gerede nach mehr Sinn hält – herzlich wenig. Der Fotograf ist nämlich auch in der sozialen Arbeit tätig und beschreibt, wie emotional und körperlich aufreibend diese Tätigkeit ist, aber wie viel sie ausmacht. Gommel erreicht junge Menschen durch sein Wirken direkt – es sind gerade Konflikte und persönliche Herausforderungen, die soziale Arbeit überhaupt erst notwendig machen. Auch wenn der sichtbare Einfluss für ihn wertvoll zu sein scheinen, bleibt die Arbeit zehrend.

Nicht nur in der Jugendarbeit, sondern auch in der Pflege und in anderen sozialen Bereichen sind viele Stellen in Deutschland offen. Es fehlen die Arbeitskräfte. Vor dem Hintergrund der deutschen Demografie wird der Bedarf dabei stets wachsen. Zwei Faktoren werden die Nachfrage in sozialen Berufen langfristig bestimmen – die Überalterung der Gesellschaft sowie die Migration. Sowohl Junge als auch Alte werden besondere Unterstützung benötigen.

 

Diese Arbeitsbereiche sorgen dafür, dass die Gesellschaft zusammenhält und auf erwachsene Art den Herausforderungen unserer Zeit begegnet. Starke Nerven, Empathie und Fürsorge sind dafür nötig – und ein Blick, der nach außen, statt auf sich selbst gerichtet ist. Dass der Fachkräftemangel spürbar ist, verwundert jedoch kaum. Vor allem, wenn die Wertschätzung ausbleibt. Und das tut sie. Gäbe es nämlich ein Verständnis dafür, wie wertvoll soziale Berufe sind, würde man sie besser vergüten.

Dieser Entwicklung entgegenzuwirken, ist eine große Herausforderung: nicht nur Vergütungs- und Arbeitsmodelle in sozialen Berufen müssen hinterfragt werden, sondern wie überhaupt der Blick in Richtung soziale Tätigkeiten gerichtet werden kann. Impulsiv gedacht, wäre die Schule ein Ort, an dem flächendeckend ganze Generationen erreicht werden. Doch da in Deutschland der familiäre Hintergrund über die Bildungskarriere zu sehr entscheidet und es gerade in urbanen Metropolen gravierende Unterschiede in der Zusammensetzung der Schüler sowie der Lehrerversorgung gibt, gilt es andere flächendeckende Institutionen zu bedenken.

Eine Wiedereinführung des Wehrdienstes bzw. des Zivildienstes, für alle jungen Menschen wäre zwar ein unliebsames Instrument, könnte jedoch große Wirkung entfalten. Werte wie Kameradschaft, soziale Verantwortung und Zusammenhalt werden nämlich sowohl im Wehr- als auch im Zivildienst vermittelt. Jenseits abstrakter Diskussionen darüber, dass soziale Berufe wichtig sind, könnten junge Menschen sich praktisch in solchen Tätigkeitsfeldern selbst austesten. Anstatt Studienabschlüssen ohne konkrete Vorstellung der eigenen Ambitionen hinterherzurennen, würden sicherlich einige Menschen erkennen, dass ihre Talente in sozialen Berufen sind – und dass diese tatsächlich erfüllend sein können.

Jenseits der Berufe, die einen direkten Mehrwert für das Allgemeinwohl schaffen, wird in der Debatte um die Sinnsuche im Arbeitsleben ein Aspekt häufig vergessen: nicht jeder kann oder will seinen Sinn aus dem Beruf ziehen. Für manche ist ein Arbeitsplatz ein Mittel zum Zweck, um sich das Privatleben zu finanzieren und die eigene Familie zu versorgen. Die finanzielle Lage lässt manchmal wenig Raum für den Traum nach mehr Sinnhaftigkeit, wenn Kinder ernährt werden müssen.

Schließlich gibt es auch jene Menschen, die sich bewusst dagegen entscheiden, der Arbeit einen besonderen Wert beizumessen – selbst, wenn diese gut bezahlt ist. Der Beruf ist nicht für jedermann eine Berufung. Für diesen Typus beginnt das Leben nach Feierabend – und das ist in Ordnung. Hoffentlich gibt es in seiner Umwelt dennoch genug Menschen, die sich um die Pflege der Angehörigen, die Ausbildung der Kinder, die Müllabfuhr und die Gemeinschaft kümmern.

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