Die Deutschen sind scheu, wenn es um Berufswechsel geht. Bereits 2012 fand das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung heraus, dass lediglich knapp über drei Prozent der arbeitenden Bevölkerung jährlich den Schritt in ein neues Tätigkeitsfeld wagt. In Großbritannien hingegen ist der Anteil der Jobwechsler drei Mal so hoch.

Dies liegt vor allem am deutschen Ausbildungssystem, in dem abgeschlossene Qualifikationen häufig der Goldstandard bei der Suche nach qualifizierten Bewerbern ist. Im anglo-amerikanischen Raum hingegen geht es um Erfahrungswerte und Soft Skills – deshalb ist es auch weniger unorthodox, wenn man von der Gastronomie in die Verwaltung und dann in einen Konzern wechselt. Mit Hinblick auf die digitale Transformation, die Arbeitsplätze in einem bedeutenden Maß durch Maschinen ersetzbar macht, müssen die Vor- und Nachteile des deutschen Qualifikationssystems abgewogen werden.

Es ist einer der Hauptgründe, weshalb Deutschland durch die Weltwirtschaftskrise in Folge der Lehman-Pleite verhältnismäßig glimpflich davongekommen ist: das duale Ausbildungssystem. Deutschland bildet erfolgreich Fachkräfte und Branchenexperten mit praktischem und theoretischem Know-How aus. Diese Expertise ist wertvoll für Unternehmen und sie achten darauf, dass für diese geschätzte Arbeit qualifiziertes Personal anstatt Laien eingesetzt wird. Abschlüsse sind daher in Deutschland besonders wichtig, um Qualifikation und Kompetenz zu bestimmen.

Was passiert jedoch, wenn tatsächlich Berufsbilder nach und nach wegfallen und dafür neue Tätigkeiten gefordert sind? Sicherlich sind Weiterbildungen und Umschulungen notwendige Instrumente, um Menschen in Lohn und Brot zu bekommen, allerdings sind lange Ausbildungsphasen in reiferen Lebensphasen – beispielsweise durch ein neues Studium – nicht für jeden eine Option. Ob wegen familiärer Verpflichtungen oder der finanziellen Situation – manche Arbeitnehmer entscheiden sich dafür, sich selbst Expertise zu erarbeiten, selbstständig zu werden oder schlicht einen Wechsel auf Eigeninitiative zu versuchen.

Möglicherweise wird diese Eigeninitiative notwendig sein, um den wechselnden Arbeitsmarktanforderungen gerecht zu werden. Fraglich ist jedoch, ob in Deutschland ein doppelter Kulturwechsel überhaupt möglich ist: zum einen müssen Arbeitnehmer mutig für einen Wechsel sein, zum anderen müssen Arbeitgeber offen für Bewerber ohne lineare Lebensläufe sein. Beides weicht von der gängigen Norm ab, in denen es bis vor einigen Jahren normal war, dass Berufstätige über Jahrzehnte im selben Unternehmen bleiben.

Sicherlich sind die Bedenken von Arbeitgebern , dass Quer- und Seiteneinsteiger nicht dasselbe Niveau an Fachqualifikation mitbringen, streckenweise berechtigt, jedoch ist dies nicht immer nötig. Unternehmen, die von Routineaufgaben leben, in denen Fachkräfte eine Reihe von klar definierten Aufgaben abarbeiten und kein Interesse an daran haben, ihr Produkt zu erneuern, sollten bei dem klassisch geschulten Personal bleiben. Für diejenigen, die mit dem Wandel in ihrer Branche gehen möchten, ist ein Perspektivwechsel von außen durchaus hilfreich – unter der Bedingung, dass die Geschäftsleitung diesen aushält.

Im Zweifel können Berufswechsler motivierter und engagierter sein, da sie sich in einem späteren Lebenszeitpunkt als in ihren Teenagerjahren oder Zwanzigern bewusst für einen Schritt entschieden haben. Unternehmen werden zukünftig häufiger entscheiden müssen, ob sie Bewerber aus einer anderen Branche anstellen würden. Auf dem Arbeitsmarkt herrscht bisweilen jedoch noch Konservatismus. Ob sich dies ändert, bleibt fraglich.

Share on facebook
Facebook
Share on twitter
Twitter
Share on linkedin
LinkedIn
Share on pinterest
Pinterest