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Wie viel Freundschaft verträgt ein Job? Kann es überhaupt Jobs ohne freundschaftliche Beziehungen geben? Schließlich verbringt man bei einem Vollzeitjob mehr Zeit mit dem Kollegium als mit der eigenen Familie – genauso streitet und lacht man bei Erfolgen und Misserfolgen. Die einen sehen es als einen Zugewinn, wenn aus Kollegen Freunde werden – andere wiederum trennen das Berufliche und das Private strikt. Die Wissenschaft zeigt: Freundschaften am Arbeitsplatz sind Fluch und Segen zugleich. 

Ob Escape Room, ein Klettertag oder die klassische Kneipentour – immer mehr Unternehmen setzen mittlerweile auf Team Building, um einen Gemeinschaftssinn zu kultivieren. Der Gedanke dabei ist simpel: Leute, die sich gegenseitig vertrauen und mögen, arbeiten besser zusammen. Das Eis soll schnell gebrochen werden, aus Kollegen sollen bestenfalls Freunde werden.  

Doch wie hilfreich ist die persönliche Ebene zwischen Menschen, die an einem Ort zum Arbeiten und Geld verdienen zusammengekommen sind? Dieser Frage hat sich ein Forscherteam aus den USA gewidmet. In dem Artikel „Are Workplace Friendships a Mixed Blessing? Exploring Tradeoffs of Multiplex Relationships and their Associations with Job Performance“ (Jessica R. Methot/ Jeffrey A. Lepine/ Nathan P. Podskaoff/ Jessica Siegel Christian; Personnel Psychology Nr. 69) fassen sie ihre Ergebnisse aus zwei Studien zusammen. Sie haben dafür jeweils 169 Angestellte aus dem Versicherungswesen sowie 182 Personen aus der Gastronomie und Einzelhandel befragt.      

Tatsächlich sind Menschen zufriedener mit ihrem Job und haben eine bessere Einstellung zur Arbeit, wenn sie freundschaftlich Beziehungen zu Kollegen führen. Durch das gesteigerte Vertrauen sind Mitarbeiter zudem eher bereit ihre Ressourcen miteinander zu teilen und zu kooperieren – Menschen arbeiten enger mit Menschen zusammen, denen sie vertrauen. Für Unternehmen kann dies hilfreich sind, wenn es um Wissenstransfer und Austausch geht – wenn Kollegen sich gegenseitig im Arbeitsprozess unterstützen, können größere Synergien entstehen. 

Wenn kein Vertrauen vorhanden ist, sind Menschen untereinander weniger bereit, ihre Ressourcen miteinander zu teilen – eine ergebnisreiche Kooperation wird unwahrscheinlicher. Aus dieser Perspektive scheinen sich die Team-Building-Maßnahmen zu lohnen. Doch es gibt auch Schattenseiten, wenn das berufliche Verhältnis auch privater Natur ist: der soziale Druck sowie die Anstrengung die Freundschaft aufrechtzuerhalten steigen und sind ermüdend. 

Der soziale Druck kann laut Forscherteam dazu führen, dass Kollegen aus Gefälligkeit Aufgaben von Freunden übernehmen – eigentlich prioritäre Tätigkeiten können vernachlässigt werden. Zudem sind die Tendenzen in direkten Konkurrenzsituationen auch ernüchternd: wenn in einer Freundschaft eine Person befördert wird und die andere nicht, bedarf es einer gewissen Anstrengung das Verhältnis stabil zu halten. Unter Freunden ist diese Situation mit mehr Emotionen verbunden, als unter schlichten Kollegen. Dies kann den positiven Effekt der Kooperation stark trüben. 

Was das Forscherteam nicht explizit untersucht hat, ist, inwiefern sich freundschaftliche Verhältnisse – insbesondere zum Chef – auswirken in puncto ständige Erreichbarkeit und Überstunden. Im Jahr 2016 fand eine YouGov-Erhebung heraus, dass zwei Drittel der Arbeitnehmer sich durch ständige Erreichbarkeit belastet fühlt und dieser Umstand einen negativen Einfluss auf das Privatleben habe. Wenn Erholungsphasen durch Kollegen oder den Chef, der nur um „einen kleinen Gefallen“ bittet, gestört werden, kann dies auch gesundheitliche Folgen haben. Die Initiative Gesundheit und Arbeit, die von Krankenkassen-Dachverbänden getragen wird, untersuchte 2013, dass diese Tendenzen besonders bei Arbeitnehmern zu beobachten sind, die sich mit ihrer Arbeit identifizieren. 

Fraglich ist auch, inwiefern Team-Building-Maßnahmen wie die abendliche Kneipentour dazu beitragen, dass der soziale Druck größer wird – schließlich gehen solche Aktivitäten sowohl hinsichtlichArt als auch  Zeitpunkt in die private Sphäre über. Man möchte schließlich nicht die Menschen enttäuschen, die ihre persönliche Seite beim dritten Glas Wein offenbart haben. Ablehnung gegenüber Kollegen zu zeigen, ist in diesem Fall noch schwieriger als gegenüber dem Chef.  

Während die Gesetze zum Arbeitnehmerschutz Angestellte davor schützen können, dass sie ohne Absprache jenseits der vereinbarten Arbeitszeiten vom Chef kontaktiert werden, ist der soziale Code im Kollegium viel unterschwelliger und kann zu persönlichen Enttäuschungen und Konflikten führen. Die einstige Kollegialität wandelt sich dabei in Rivalität oder einen Machtkampf. Das Wohlbefinden am Arbeitsplatz schwindet. 

Jenseits von solchen Negativszenarien ist das Kollegium jedoch vor allem für Arbeitnehmer, die zwischen 1980 und 2000 geboren wurden, wichtig: 2017 untersuchten die IT-Unternehmen Dell und Intel in der „Future Work Study“ welchen Stellenwert das Kollegium hat – neun von zehn Personen gaben dabei an, dass eine gute Kommunikation zu den Kollegen unverzichtbar für die produktive Arbeit sei. 

Team Building und vertrauensfördernde Aktivitäten sind eine sinnvolle Sache, um eine höhere Zufriedenheit und bessere Arbeit zu erreichen. Dies darf jedoch nicht zum Trugschluss führen, dass ein Arbeitsplatz das Privatleben ersetzen soll. Etwas Distanz ist bei aller Freundschaft nämlich notwendig, um die negativen Ereignisse im Job abzufedern. 

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